Wer hat eigentlich festgeschrieben, dass Punk auf drei Akkorde setzen muss? Der Opener des neuen Albums von Tan LeRacoon, das „We Didn’t Come Here Just To Be Nice“ heißen wird, sägt einem jedenfalls mit nur einem einzigen stoischen Akkord das Hirn auf. „I Give Head“ singt, zischt, und-wie-übersetzt-man-eigentlich-das-tolle-englische-word-„snarled“ dabei die richtige Gemütsstimmung für diese Platte: eine Kombination aus Teenage Angst, nihilistischer Wut und Aktivismus. Und überhaupt: Was ist denn eigentlich „punk“? „Auf jeden Fall kein Genre“, sagt Tan. Ein Satz, den man oft von ihm hört, weil er ihm besonders am Herzen liegt - vielleicht weil Tan Punk so intensiv erlebt hat, wie wenige andere in der deutschen Musikszene.
Deshalb erst einmal ein kleiner autobiografischer Crashkurs zur Frage: Wer ist eigentlich dieser Tan LeRacoon? So heißt die Bühnen-Persona des sehr realen Menschen Tanju Boerue, der bereits mehrere Leben als Rock-‚n‘-Roll-Musiker, Dubmaster, Clubbesitzer und Radiomoderator (Elevator Music auf ByteFM) hinter sich hat. Mit nur 13 Jahren veröffentlichte er ein bescheidenes Punk-Fanzine, mit 14 organisierte er seine ersten Konzerte und mit 18 seine ersten Tourneen. Er erinnert sich an Küsse von Nina Hagen, als er 12, und von Siouxsie Sioux, als er 14 war, wie Charlie Harper ihm Bo Diddley’s „Pills“ auf der Gitarre beibrachte, an seine Jugendtage in London, an das Spielen in Nikki Suddens Band mit 18, an seine Teilnahme am Londoner Glam-Revival und daran, dass er Ende der 80er Jahre in New York fast schon mal Starruhm hätte erlangen können (ein drogenbedingter Flopp mit einer großen Plattenfirma). Dann gab es noch durchzechte Nächte mit Joe Strummer und er war Manager und enger Freund von Ari Up (The Slits), die ihn damals „Boy Slit“ nannte. Noch heute sagt Tan über diese prägende Zeit: „Ein Leben ohne die Slits ist undenkbar. Diese Band, nein, diese Menschen haben mich maßgeblich angestoßen, Dinge zu probieren, und auch ein Scheitern zuzulassen.“ Er war mit Vali Myers befreundet, die ihm vorschlug, mit Debbie und DeeDee eine Band zu gründen (was jedoch nie zustande kam), wandte sich dann der Poesie zu und zog nach LA. 1993 schrieb er auf Anregung seines Mentors Timothy Leary einen Roman (der Jahre später, 1998, im Selbstverlag erschien), bevor er nach Hamburg zurückkehrte und sich für vier Jahre der wegweisenden Freestyle-Psychedelic-Dub-Band Das Weeth Experience anschloss. Danach wurde es richtig chaotisch: Er ließ den Rock ‘n‘ Roll hinter sich und die 90er Jahre wurden für ihn zu einer einzigen Rave-Party. Dann machte er sich an die Elektronik (als Tan U Sound, später benannte er sein Label so) und tourte mit wegweisenden Elektronik-Stars um die Welt. Anfang der 2000er Jahre eröffnete er den mittlerweile legendären Club Hasenschaukel und gründete eine Familie, bevor er zehn Jahre lang beim Reeperbahn Festival mitwirkte und als internationaler Tourmanager mit Künstlern wie Ólafur Arnalds, Janelle Monáe oder Agnes Obel wieder auf Tour ging. Zwischendurch kehrte er zunächst als Anarchist Folk Rocker zur Gitarre zurück (mit dem Anspruch, wie die MC5 zu klingen, die Songs von Woody Guthrie spielen) und konzipierte dann Tan LeRacoon als musikalische Einheit. Unter diesem Namen veröffentlichte er zum Beispiel das Doppelalbum-Debüt „Dangerously Close To Love“, eine -erfolgreiche- Weihnachtssingle und 2019 eben „Funeral Parade Of Roses“, mit dem eine internationale Tour geplant war – die von der Corona-Pandemie gekillt wurde. 2025 entfernte Tan all seine Musik von Spotify, Gründe sind vielfältig und bekannt.
Man verzeihe den nicht gerade knappen Exkurs, aber wer diese Platte hört, sollte auch um die lebhafte Biografie seines Protagonisten wissen. Dieser Mann hat schließlich viel zu erzählen (also ladet ihn gefälligst in eure Podcasts und Radiosendungen ein), und da er dieser Tage lieber Lieder als Bücher schreibt, steckt vieles in diesen neun faszinierenden, musikalisch wild wuchernden, mitreißenden Stücken auf „We Didn`t Come Here To Play Nice“, die sich stilistisch schwer einfangen lassen.
Tan selbst sagt dazu: „Wir können und wollen uns nicht über ein Genre definieren. Punk, Goth, Glam, who cares?“ Im Presseschreiben „Funeral Parade Of Roses“ stand noch die schöne Genre-Schubladen-Beschreibung eines „Goth-Psych-Folk-Punk-Rock-Soul-Bastards.“ Ob die noch passt? „Wir sind einfach eine Rock-’n’-Roll-Band, die meine Gedichte vertont. Was wiederum eher intuitiv passiert. Vielleicht sind wir deshalb heute so intensiv. Weil meine Worte einen solchen Sound erfordern.“ Dieses „wir“ meint übrigens seine aktuelle Besetzung &Racoonery, die ebenfalls eine Menge Punkhistorie in ihren Reihen vereint. Mit dabei sind zum Beispiel die deutschen Punk-Legenden Rudi Raschberger (Kotzbrocken, C3I) und Michael Meng (Punkenstein, Hullaballoo, Jam Today) sowie der Americana-Steam Machine-Musiker Malte Mertz (Golden Creek, Clara Bow).
Wie immer bei Tan LeRacoon lohnt es sich auch bei diesem Album wieder auf die Lyrics zu achten. War das Vorgängeralbum noch von einer Art aktivistischem Optimismus geprägt, klingt Tan diesmal eher wie ein ermüdeter Anarchist, der im Kreise seiner Mitstreiter:innen Kraft tanken muss. Seine Worte beißen, schreien, trauern – formen traurige Geschichten von verstorbenen Freunden, wütende Rückblicke auf das Chaos der Teenagerzeit, pointierte Attacken gegen die Bigotterie nicht nur der Musikbranche. Sie klingen wie der Hilferuf einer Gesellschaft, die zusehen muss, wie der Einzelne untergeht. Tan selbst sagt dazu:
„Frustration und Wut treiben mich inmitten von Zuständen an, an die schon vor 40 und mehr Jahren angeprangert wurden und wo stehen wir? Solidarsysteme werden außer Kraft gesetzt und zwar zu Gunsten eines Wachstums, der nur Wenigen nützt ; eine Mittelklasse, die einst irrtümlich glaubte, sie könne zu den 1% gehören, würde sie nur genug buckeln, erkennt zunehmend, dass sie zur Masse der Ausgebeuteten gehört; Korruption („Lobbyismus“) wird offen ausgelebt; die SDGs sind gut gemeint und lieblos in der Praxis; das alles im Schatten von gescheitertem „realexistierenden Sozialismus“ und nun der Erkenntnis von „realexistierender Demokratie“ und weltweitem Rechtsruck. Was bleibt ist das Schaffen und Leben von unabhängigen Communities. Doch diese Communities versuchen sich rein durch sich selbst zu definieren und identifizieren, Uniqueness als Abgrenzung. Ich fühle mich aber nicht wohl in einer Gesellschaft die Identitätsfindung durch Abgrenzung fördert statt einer Normalität. Diversität ist wie Nachhaltigkeit oder Antifaschismus eine Verpflichtung und sollte den menschlichen Normalzustand darstellen. Ich möchte nicht ständig damit beschäftigt sein, mich erklären zu müssen. Ich möchte ich sein, ohne Definition, ich möchte lieben, wen ich will, intim sein ohne auch hier eine Bezeichnung zu finden. Ich möchte, dass Veränderung akzeptiert wird, insbesondere, wenn es Dich zu nichts zwingt. Ich träume davon, dass Menschen sich schlicht gegenseitig respektieren und in Ruhe lassen.“
Was das Musikalische angeht, zitiert Tan gerne den all time Propheten Lou Reed:
“If you can’t play Rock and you can’t play Jazz, you put the two together and you’ve really got something”.
Der kürzeste Song der Platte, „Needle Time Run“, kommt übrigens ganz ohne Worte aus und dauert nur 29 Sekunden – aber die sind ein einziges Punk-n-Roll-Fest. Der längste Song wiederum, „See Us All Rise (UP!)“ kommt auf über 17 Minuten. Er ist für Tan das Herzstück der Platte, weil er nicht weniger als eine gesellschaftliche Utopie vertont – aus ihm stammt auch die Zeile, die den Albumtitel stellt. In diesem Cut Up aus verschiedensten Session- Momenten und dadurch unterschiedlichsten Mitmusiker:innen, singen alle zusammen zu Beginn die Zeilen „We didn’t come here just to be nice / We came to built a new paradise“. Die Musik dazu ist anfangs eine Art psychedelischer Sinkflug in dieses Paradies, das Tan und seine Gang da besingen. Er selbst nennt es „Anarkopia – einen selbsternannten Geisteszustand, eine anarchistische Freiheitsutopie.“
In dem Manifest, das Tan für diesen Song verfasst hat, stehen Sätze wie: „In Anarkopia träumen die Menschen nicht von einer besseren Welt oder von ihrem besseren Selbst oder einer Selbst- Optimierung, in Anarkopia leben die Menschen ein utopisches Leben und sind somit ihr besseres Selbst. Menschen aus Anarkopia unterstützen sich gegenseitig, dieses bessere Selbst zu sein. Anarkopia ist kein Staat, ist keine Nation, kein Land, nicht einmal ein Ort. Anarkopia ist überall, wenn man es möchte. Es ist der Zustand des Bewusstseins.“ Wie sich dieses Bewusstsein anfühlen könnte, spürt man, wenn man diesen 18-Minuten-Trip eines Songs zuende gehört hat.
Aber Tan LeRacoon kann auch kompakter: Nicht immer so extrem wie beim bereits erwähnten 29-Sekunden-Stück, aber auch der Hardcore-trifft-Freejazz-Taumel „Quicksand“ braucht nur 92 Sekunden. „Two Sides Of The Medal“ wiederum beginnt mit einem Riff, das mit seinem New York 1976- Style sämtliche Klischees ad absurdum führt, dann aber nicht auf verbissenes Punk-Knurren setzt, sondern auf einen geradezu nonchalant singenden Tan. „Return To Anger“ ist Vier-Minuten-Dreißig-Ekstase und ein wahrer Goth-Psych-Folk-Punk-Rock-Soul-Bastard, während „Tomorrow Is A Long Day“ zeigt, warum man Tans Musik manchmal mit Nick Cave in seinen wilderen Phasen verglich. „DoG“ wiederum besticht durch Tans exzentrischen Singsang, der im Chorus ganz lieblich klingt, aber dazwischen bisweilen einem genialen Irren entsprungen scheint, der mal flüstert, mal säuselt, mal zischt, mal zuschnappt. Aber hey, nicht anderes wurde ja auf dem Cover versprochen: „We Didn’t Come Here Just To Be Nice“.