Eine merkwürdige Welt Mit "Strangeworld" erschien zur Jahrtausendwende Martin Revs fünftes Soloalbum, herausgegeben auf dem finnischen Label Puu, einem Ableger von Tommi Grönlunds und Mika Vainios Sähkö Recordings, das Mitte der 1990er Jahre für seinen kompromisslos minimalistischen Sound bekannt wurde. Vier Jahre zuvor überraschte Rev mit seinem 1996er Album "See Me Ridin'" und dessen auf skizzenhafte Keyboardmelodien herunterdestillierte Doo-Wop-Kompositionen, in denen Martin Rev erstmals auch als Sänger zu hören war. "Strangeworld" nahm diesen Ansatz auf und führte ihn weiter. Die Melodiepassagen lösten sich zu Fragmenten und Versatzstücken auf, die in einem Dickicht zwischen verhallten Rhythmusschleifen und Revs Stimme, die hier kaum mehr als Gesang fungiert, sondern selbst zum Instrument wird, zu einem himmlischen Flirren verschmelzen. Die Stücke eröffnen sich einem als ein Raunen und Summen, wie man es durchaus von Martin Revs arbeiten kennt, nur ist es auf "Strangeworld" nicht mehr das wütende Dröhnen der aufgeladenen Stadt, das hier zur Musik wird, sondern ein entrückter, wundersam naiver Gesang, der wie ein Komprimat von Revs Jugenderinnerungen an die Zeit anmutet, als man den ersten Liebeskummer durchlebte, begleitet von Doo Wop Melodien aus dem Transistorradio. Darunter sind auch immer wieder Farbsprengsel zeitgenössischer Musik zu erahnen, wie etwa Spurenelemente von Dance Music, die sich laut Rev jedoch nur unterbewusst ihren Weg in die Produktion bahnten: ûIch dachte nicht speziell an Techno während der Aufnahmen, aber es war sicher schon Teil des musikalischen Umfelds zu dieser Zeit, so dass leicht einige Nuancen davon in den Entstehungsprozess des Albums eingeflossen sein könnten.ë Entstanden ist das Album in Eigenregie in Revs Stadt New York: ûStrangeworld wurde größtenteils in einem privaten Studio produziert, das ich für ein paar Tage in der Woche gebucht hatte. Zu der Zeit begannen Toningenieure gerade damit, in ihren Häusern Mietstudios einzurichten, da die Digitaltechnik, damals in Form von ADAT und die frühe Computerisierung es plötzlich ermöglichten.ë Für die Veröffentlichung fand sich das finnische Label Säkhö. Auf den ersten Blick eine ungewöhnliche Liaison, jedoch ist der radikale Minimalismus im Sound des Labels und in den Arbeiten von Rev bei näherer Betrachtung eine durchaus verbindende Basis. Wie haben sich Martin Rev und Labelchef Tommi Grönlund kennengelernt? ûTommi rief mich an, um sich vorzustellen, als er nach New York kam. Er bat um ein Treffen, um über eine Kollaboration mit einem Künstler zu sprechen, mit dem er für sein Label arbeitete. Das war das erste Mal, dass ich ihn traf oder auf Säkhö aufmerksam wurde.ë Zu diesem Zeitpunkt hatte Martin Rev gerade die Demo Versionen zu "Strangeworld" fertiggestellt und bot Grönlund das Album zur Veröffentlichung an. Er hörte jedoch erst ein paar Jahre später wieder von ihm, als dieser erneut aus heiterem Himmel anrief und fragte, ob das Material noch verfügbar sei und Rev ein Angebot machte. ûAnscheinend hörte Mika von Panasonic, dass Tommi die Demos hatte und riet ihm nach dem Anhören, er solle versuchen, mich sofort unter Vertrag zu nehmen.ë Mittlerweile sind seit der Erstveröffentlichung von "Strangeworld" zwanzig Jahre vergangen, doch die Welt, die das Album offenbart, ist eine noch immer rätselhafte und merkwürdige.