Dass auf Hirsch Effekt Alben der technisch brutale Wahnsinn gepaart wird mit epischen Melodien, die man nie wieder loswird, dürfte sich nun mittlerweile rumgesprochen haben. Hier kommt das neue Album. Intelligenter Mathcore, rhythmisch präzise wie ein Seziermesser, aber nie nur um des Effektes willen nüdeln, das sind sehr ausgereifte Songs, geschrieben von Leuten mit geringer Aufmerksamkeitsspanne, haha, oder vielmehr Forschern im Klanglabyrinth, die es wirklich wissen wollen. Und denen schnell langweilig wird, offenbar.
The Hirsch Effekt melden sich mit neuem Album zurück. "Kollaps", das fünfte Album der Band, begegnet dem alltäglichen Wahnsinn mit raffinierten Kontrapunkten und aberwitzigen Textzeilen.
Nachdem die Band 2017 mit "Eskapist" auf Platz 21 der deutschen Album-Charts landete und Auftritte auf dem Wacken, dem Full Force und als Headliner beim Euroblast absolvierte, liegt nun das Folgewerk vor. Musikalisch wandelt das Trio aus Hannover nach wie vor irgendwo im Mikro-Kosmos des "Progressive Metal" dabei sind die Aufnahmen gespickt mit den bandtypischen Ausflügen in - auf den ersten Blick - völlig abwegige Stilistiken. Die deutschen Texte, die aufgrund des stetig ansteigenden Erfolgs der Band im englischsprachigen Raum auch dort getrost mitgesungen werden, bilden dabei kein Hindernis, sondern festigen vielmehr das Alleinstellungsmerkmal der Band.
Mit dem aktuellen Konzeptalbum, versetzt sich die Band noch stärker in die Rolle von anderen gesellschaftlichen Akteuren, um die Aspekte ihrer Agenda zu reflektieren: Aus Perspektive der »Fridays for Future«-Bewegung wird die Auseinandersetzung mit dem systematischen Kollaps musikalisch anmutig untermalt oder bizarr nachgezeichnet - auch um unsinnige Gegensprecher stroboskopartig zu zersetzen.
Ähnlich vorheriger Alben wird dabei in Hirsch-Manier zerhackt, was sich eine Weile lang im sicheren Takt bewegt. Zwischendurch erklingen Choräle, die zurück zur notwendigen Besinnung finden lassen. Teilweise wohl- und gleichzeitig wehtuend erzeugt dies beim Hören eine geschärfte Wahrnehmung menschliche Verwirrung zu entlarven und als Aufruf an das einsame Bewusstsein mutiger Individuen auf Konzerten zusammen zu kommen.
The Hirsch Effekt's Nils Wittrock über den Albumtitel und das Albumcover:
"KOLLAPS - also der Zusammenbruch - lautet der Titel eines Buches, über das ich während meiner Recherche zum Albumthema gestoßen bin. Der Autor untersucht darin, warum historische Gesellschaften untergehen und benennt daraus schlussfolgernd mehrere Faktoren, die zum Untergang heutiger Gesellschaften beitragen könnten. Bemerkenswerterweise steht dabei der menschgemachte Klimawandel an erster Stelle - gleichwohl das Buch bereits vor fünfzehn Jahren erschienen ist. Als Beispiel für eine untergegangene historische Gesellschaft finden in Kollaps auch die Bewohner der Osterinseln Erwähnung. Passend dazu trägt auch der Titeltrack diesen Namen, da er gemeinsam mit dem Song "Torka" eine eigene Geschichte erzählt, die an diesem Ort angesiedelt sein könnte. Bei allen Titeln auf dem Album (bis auf Allmende) haben wir einen Begriff gewählt, der entweder aus dem Schwedischen stammt oder zumindest auch im Schwedischen vorkommt - in Anlehnung an die berühmte schwedische Umweltaktivisten Greta Thunberg.
Auch bei "KOLLAPS" haben wir die unterdessen 11 Jahre andauernde Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Künstler Alejandro Chavetta fortgesetzt. Für uns als Band ist es unbezahlbar, Album für Album ein künstlerisch derart einzigartiges Artwork zu bekommen, das gleichzeitig untrennbar mit unserem Erscheinungsbild geworden ist. Auch wenn Alejandros Cover für "KOLLAPS" - passend dazu, dass auf dem Album lyrisch die Perspektive einer Bewegung von jungen Erwachsenen und Kindern eingenommen wird - verhältnismäßig bunt geworden ist, erkennt auf den ersten Blick, dass es sich um ein The Hirsch Effekt Album handelt. Neben dem Totenschädel, der ein wiederkehrendes Motiv in Alejandros Arbeiten für uns ist, sind tödliche Tiere zu sehen - ebenso wie die lateinischen Begriffe für Leben und Tod, zwischen denen der Oberkörper eines Mannes abgebildet ist. So, als habe er es - umgeben von der Bedrohung - noch selber in der Hand, in welche Richtung es gehen soll."