Eine der großen Überraschungen (für mich) beim Roadburn 2023:
In einer Welt, die zunehmend von Wegwerf-Inhalten geprägt ist, antwortet Chat Pile mit etwas trotzig Echtem und Organischem – einer Mentalität, die ihr drittes Album „Who Loves The Sun“ durchzieht.
Seit der Gründung der Band vor etwas mehr als sechs Jahren hat sich das Quartett Chat Pile aus Oklahoma City von einem bescheidenen Leidenschaftsprojekt zu einer der prägenden Heavy-Bands entwickelt, die aus der Underground-Szene der 2020er Jahre hervorgegangen sind. Ray B. (Gesang), L. Manhole (Gitarre), Stin (Bass) und Cap’n Ron (Schlagzeug) kreieren eine vernichtende, derbe und kathartische Interpretation des Noise-Rock, die in einem Zeitalter, das von technologischer Übermacht und gesellschaftlicher Kälte geprägt ist, eine rohe, unbestreitbar menschliche Essenz einfängt. Nichts an „Who Loves The Sun“ wirkt künstlich.
Während ihr Debütalbum „God’s Country“ eine besonders amerikanische Form der Angst schilderte und der Nachfolger „Cool World“ einen grausamen Planeten zeigte, der von globaler systemischer Gewalt geprägt ist, zieht „Who Loves The Sun“ den Schleier darüber, wie kollektive Gleichgültigkeit dieses neue Jahrhundert bestimmt. Mit Bildern von Küstenlinien, die Städte verschlingen, von aussichtslosen Jobs und der Unterwerfung unter datengesteuerte Unechtheit seziert das Album den von Apathie aufgeblähten Zustand des Daseins im 21. Jahrhundert als eine Apokalypse in Zeitlupe.
Wie bei vielen Werken von Chat Pile ragt Oklahoma City selbst wie eine Figur über dem Album empor; seine weitläufige Isolation, die wirtschaftlichen Widersprüche und das unterschwellige Gefühl des Verfalls sind tief in das Gewebe der Platte eingebettet. Die perfekte Allegorie für den thematischen Kern von „Who Loves The Sun“ ist das auf dem Plattencover eingeprägte Foto, auf dem der Devon Tower – ein gläserner, weitgehend leer stehender Monolith – hoch über der Skyline von Oklahoma City thront, während im Vordergrund ein ausgebranntes Haus oder eine ausgebrannte Ladenfront zu sehen ist.
Das Album bleibt textlich und klanglich provokativ, doch Chat Pile ging beim Songwriting mit dem Ziel einprägsamer Hooks an und griff dabei auf melodische Elemente des Indie-Rock, Alternative-Rock und New Wave aus der Zeit vor den 2000er Jahren zurück. Von den blutgetränkten Gesangspassagen in „Christabel ‚26“ bis hin zum unheimlichen Trip-Hop-Rhythmus von „Same Rules“ ist „Who Loves The Sun“ trotz seiner Anspielungen auf eine sterbende, gespaltene Welt zutiefst menschlich.
Tracklist:
01. Creature
02. Deep Blue
03. Same Rules
04. PEN I S MALL
05. Shrine
06. Intruder
07. Christabel ‘26
08. Influence
09. Family Funeral
10. October All the Time