28 Jahre veröffentliche ich Schallplatten. Die meisten meiner Veröffentlichungen laufen komplett unter dem Radar. Ich habe mich in dieser Nische häuslich eingerichtet und nehme die Nichtbeachtung mittlerweile auch nicht mehr persönlich. Umso größer war die Freude als The Pill als Band und Hollywood Smile als Album einschlugen wie eine Bombe. Welche Band kann schon von sich behaupten, bei nicht mal gespielten 10 Shows die Bühne mit Suicidal Tendencies, Dropkick Murphys oder auch Pascow geteilt zu haben. Mit all dieser Aufmerksamkeit kam gleichzeitig die Angst. Sind das eigentlich meine Leute im Publikum? Verstehen die Leute die Band und/oder mein Label? Meine Intention? Meinen Kampf? Für wen mach ich das eigentlich? Wo finde ich in diesem Konstrukt statt? Und wo The Pill? Ist das Punk? Ist es Hardcore? Oder doch nur Rockmusik?
Fragen deren Beantwortung mich Kraft kostet und für viele auch nicht mehr zeitgemäß sind. Fragen die aber noch weitergehen. Nicht nur unterschiedliches Geschlecht kann das Thema sein, auch unterschiedliches Alter, unterschiedliche Erfahrungen allgemein. Wohin steuert die Band? Was sind die Werte? Wo steht man?
All diese Gedanken und noch mehr türmte sich nach der Veröffentlichung von Hollywood Smile auf. Vielleicht waren all die Gedanken unnütz, denn The Pill haben für sich einen Schlüssel gefunden, genau mit dieser Zerrissenheit umzugehen. Pathetisch könnte man schreiben sie bekämpfen Feuer mit Feuer und hauen mit „I need to be a Weapon“ eine Platte raus, die dermaßen mit subkulturellen Verweisen gespickt ist, das ganze Klassen an Musikwissenschaftlern sich daran abarbeiten könnten. Aber das ist nicht der Punkt und wird auch nicht der Band gerecht. „I need to be a Weapon“ schafft genau auf den schmalen Grat zwischen Punk und Rock zu tanzen, der schon duzende Bands gebrochen hat. The Pill lassen sich von keiner dieser Seiten vereinnahmen, sondern transferieren eben old School in new School ohne eine dieser Spielarten zu verraten. Und vielleicht ist die so, in ihrer Ausgewogenheit einzigartig, erzeugte Schnittmenge genau das was Punk und Hardcore seit geraumer Zeit fehlt.
„I need to be a Weapon“ hat das Momentum und die Unbeschwertheit von „Bleach“ und wird getragen von dem unglaublich präzisen Spiel der Band. Hier sitzt jeder Ton perfekt, nichts ist zu viel und entwickelt in dieser Leichtigkeit eine Kraft die einen nur mitreißen kann.
Pathetisch würde man wiederrum schreiben, The Pill sitzen nicht zwischen den Stühlen, denn diese liegen zerkloppt am Boden, aber das wäre zuviel Kitsch, für eine Band die genau diesen nicht bedient und nicht bedienen möchte.
Hat „I need to be a Weapon“ meine Ängste verringert? Natürlich nicht, denn die Platte ist noch kompakter, noch ausgereifter, noch besser als „Hollywood Smile“. Und dadurch vielleicht auch noch verwertbarer. Aber mit „I need to be a Weapon“ sagt The Pill unmissverständlich wo sie stehen, wie sie sich sehen und was ihnen wichtig ist. Sie nehmen sich zurück als Band und lassen die Songs gedeihen und das wiederrum macht dieses Album so vielseitig und so gut.
Also schaut Euch The Pill live an, redet mit ihnen am Merch, geht selbst auf Entdeckungsreise, denn mit „I need to be a Weapon“ kann man sehr lange, sehr viel Spaß haben.
Gregor Samsa / Sounds of Subterrania